Eine Schule für Schneider/innen (Teil 1)

Ein weiteres Projekt, das ich in Indien unterstütze, heißt FerryBengal. Davon möchte ich heute erzählen.

West Bengalen ist einer von 29 Bundesstaaten in Indien. Es ist neben Bihar der ärmste und bevölkerungsreichste Staat. Er liegt direkt an der Grenze zu Bangladesch. Kalkutta ist die Hauptstadt von West Bengalen und der Ausgangspunkt meiner Reise. Von hier aus bin ich bereits zweimal nach Rampurhat gefahren. Mit dem Zug dauert es etwa 5 Stunden, wenn es gut läuft. Aber Bahnfahren in Indien ist eine eigene Geschichte.

Hier liegt eine kleine Schule von FerryBengal. Das Projekt hat sich die Aufgabe gesetzt, jungen Leuten eine Ausbildung und eine Perspektive zu geben.
In Entwicklungs- und Schwellenländern wie diesem ist Landflucht ein ständiges Problem. Die junge Generation verlässt die Dörfer und Kleinstädte, um in großen Städten Arbeit zu finden. Damit geraten sie oft in eine noch schlimmere Situation. In den Städten ist die Arbeitslosigkeit ähnlich schlimm und die Arbeitsbedingungen oft eine Katastrophe. Der große Wunsch genug zu verdienen, um die Eltern zu unterstützen, bleibt ein Traum. Ich habe Menschen gesehen, die sich trotz Arbeit nicht einmal eine Wohnung leisten können.

An dieser Stelle greift FerryBengal ein. Ihr Motto ist: Gib einem Hungernden einen Fisch, und er ist für heute satt, lehre ihn das Angeln, und er wird jeden Tag satt sein.

Und es geht nicht nur um ’satt werden‘, es geht auch um Stolz. Selbstbestimmt Geld verdienen. Für die Eltern sorgen können. Die Kinder in die Schule schicken, damit sie es einmal besser haben.

Sie bieten jungen Leuten, die von Armut bedroht sind eine Ausbildung, mit deren Abschluss sie sich selbstständig machen können. An verschiedenen Standorten gibt es kleine Schulen für Tischlerei, Motorrad- und Rikscha-Reparaturen, einen Computerkurs, Ausbildungen zur Krankenschwester, Schneider/in und Kosmetiker/in.

Eine Schule für Schneider/innen (Teil 1)
Das Schulgebäude wurde von den Vereinsmitgliedern selbst gebaut © Green Size, Lübeck

Die non-profit Organisation war selbst erstaunt wie erfolgreich der Kurs für Kosmetik und Frisöre war. Die Teilnehmer/innen konnten sich im Anschluss fast alle erfolgreich selbstständig machen und ein eigenes Geschäft führen. Sie verdienen jetzt genug um sich und ihre Familien zu ernähren.

Gleiches haben wir bei den Schneider/innen. Bei 22 Teilnehmern konnten im letzten Jahr 20 erfolgreich abschließen. Vor dem Kurs hatten die Schüler ein Durchschnittseinkommen von umgerechnet etwa 7,5€ bis 9€ pro Monat, nach Abschluss waren es etwa 25€ bis 40€. Immer noch sehr wenig, aber das Drei- bis Vierfache ihres bisherigen Einkommens. Die Besten schaffen es sogar auf bis zu 75€ im Monat. (Die Zahlen stammen aus dem Jahresbericht des Vereins)
Die Organisation wird von wenigen Mitgliedern von Kalkutta aus geführt. Keiner verdient etwas daran. Sie tun es weil sie überzeugt sind, dass Indien mehr kann. Die Gelder für die Kurse beziehen sie über Spenden. Auch die Deutsch-Indische Gesellschaft beteiligt sich an dem Projekt.

Diese Gesellschaft war es auch, die mich mit Abhijit und Samantak, zwei Professoren der Universität von Kalkutta bekannt gemacht haben. Abhijit und Samantak gehören zu den Gründern und machen diese Arbeit seit mehr als 30 Jahren. Sie können stolz auf ihre Leistung sein, haben sich aber nie darauf ausgeruht. Unermüdlich arbeiten sie weiter, um Menschen eine Chance zu geben -Landflucht einzudämmen, damit sie eine Perspektive in der Heimat finden.
Gemeinsam erarbeiteten wir die Idee einen Workshop in der Schneiderklasse durchzuführen. Bis heute durfte ich schon zwei mal mit den Schülern arbeiten und mit ihnen westliche Handwerkstechniken und Ideen erarbeiten. Tipps und Tricks um mehr zu verdienen und die neuen Möglichkeiten des Internets nahe bringen.
Mehr dazu aber im zweiten Teil, dem Reisebericht.

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