Zeit für Chai.

Chai als Lebenskultur.

Chai heißt Tee. Der klassische Chai, wie er in West Bengalen getrunken wird besteht aus starkem Schwarztee der in Milch gekocht wird und sehr viel Zucker.
Chai-Becher sind sehr klein. Fast wie ein Schnapsglas. Eine kleine Tasse reicht um wieder zu Kräften zu kommen. Bei der Menge Koffein und Zucker auch kein Wunder. Es tut gut.

Diesen Chai bekommt man in Kalkutta an so ziemlich jeder Straßenecke für nur wenige Cents.

© Green Size
In der Pause, vor und nach der Arbeit. Chai! © Green Size

Und es ist immer Zeit für einen Chai.
Auf dem Weg zur Arbeit, in der Pause und zwischendurch auch einen kleinen Chai.
Du bist spät dran? Erstmal einen Chai.
Du brauchst eine kleine Stärkung? Chai!
Wenn du sowieso zu spät bist, kannst du auch noch einen Tee trinken. Die Uhren laufen hier anders. Was mich in Deutschland nervös macht, entschleunigt mich in Indien.
Ich bin gerne pünktlich, das ist für mich ein Zeichen von Respekt und Höflichkeit. In Indien ist das eher unkonventionell. Wenn mir dort einer sagt, wir gehen in 5 Minuten los, ist definitiv noch Zeit für Tee. Denn in der nächsten halben Stunde passiert hier eh nichts mehr.

Viele Büros und Ladengeschäfte öffnen erst um 10 Uhr am Vormittag. Man hat also den morgen für sich und die Familie. Ein indisches Frühstück braucht eine Weile und der Chai wird erst danach getrunken. In Ruhe. ‚Es ist kein Wodka!‘, habe ich mehr als einmal zu hören bekommen. ‚Du brauchst ihn nicht runter stürzen.‘

Uhren werden nicht sehr ernst genommen. Der Tag wird nicht so streng in jede Stunde aufgeteilt, wie ich es gewohnt bin. Busse haben keinen Fahrplan, Busse fahren in einem ungefährem Abstand von 5 oder 10 Minuten. Wenn du einen verpasst, kommt schon bald der nächste.
Oder die Sammeltaxis! Das sind Motor-Rikschas, die auf einer festen Route Leute mitnehmen. Eine Motor-Rikscha fährt erst los, wenn sie voll ist, damit es sich lohnt. Egal wie eilig du es hast!
Zum Glück hat eine Rikscha nur 4 Plätze!

An der Kasse im Supermarkt sollte man auch Zeit mitbringen. Gleichzeitig reden und arbeiten ist dort nicht möglich. Und dort fragt der Kassierer dich nicht nach der Postleitzahl sondern nach der Telefonnummer.
Der Gefragte, kramt dann erst mal das Handy raus, sucht in Ruhe die Nummer, fragt ob die Nummer der Eltern auch geht, sucht weiter, findet die Nummer, man redet darüber wie lang die Nummern heutzutage sind, diktiert die Nummer Ziffer für Ziffer.
Der Kassierer wiederholt die Nummer Ziffer für Ziffer.
Tippfehler werden Ziffer für Ziffer korrigiert.
„Vier, Vier drei? Ach, nein. Vier, Vier, Zwei. Ja das klingt aber auch sehr ähnlich. Meine Nummer hat nämlich Vier, Drei, Zwei. Das ist doch ein witziger Zufall, oder? Und Sie haben die selbe Vorwahl wie meine Schwiegereltern. Das sind tolle Leute… Haben uns zur Hochzeit einen Kühlschrank geschenkt. Ein ausländisches Model, aber meine Frau ist glücklich damit. Ich hätte ja lieber ein anderen genommen, aber was will man machen? Familie!“ Beide lachen.
Und jetzt werden die Produkte erst in die Kasse eingescannt.
Die Deutsche in mir kriegt einen Herzanfall. Der Teil in mir, der sich mit Indien identifiziert lacht mit. Wenn ich an der Reihe bin, werde ich mich mit dem mit dem Kassierer darüber unterhalten, das ich keine lokale Telefonnummer habe und das es bei uns zuhause nicht üblich ist, an der Kasse über Telefonnummern zu reden. ‚Wie Interessant!‘ Woher man den kommt, was einen nach Kalkutta verschlagen hat und so weiter. Und Ich nehme mir die Zeit und erzähle von mir.

© Green Size
Erst mal einen Chai, dann sehen wir weiter. © Green Size

In einem Schnellrestaurant hat einmal das erstellen der Rechnung länger gedauert als das zubereiten meiner Nudeln. Am Ende waren die Nudeln kalt. Dafür Lecker. Die Rechnung stand auf einem Schmierzettel und enthält keine Angaben zu Mehrwertsteuer oder so einen Schnick-schnack.
Es ist Zeit für Chai!

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