Fairtrade in Deutschland, ein Blick auf den Mindestlohn
5/52 Bewertungen

Neulich war ich mit Green Size im Fernsehen.
Das war eine große Aufregung. Da kamen zwei Leute vom NDR mit einer großen Kamera und Mikrofon zu mir in meine kleine Werkstatt. In dem Interview, das später im Schleswig-Holstein-Magazin ausgestrahlt wurde, sage ich unter anderem, das ich mir, vor dem Mindestlohn nicht leisten konnte als Schneiderin zu arbeiten.
Wie kommt das?
Es sind in Deutschland eine ganze Reihe von Berufen auf die Revolution des Mindestlohns angewiesen gewesen. Millionen deutsche ArbeiterInnen bekamen gleichzeitig eine Gehaltserhöhung. Ein Hurra für alle Pflegeberufe, SozialarbeiterInnen, Reinigungskräfte, ZeitarbeiterInnen, VerkäuferInnen, Floristen/Floristinnen, TaxifahrerInnen, und, und, und…
Auffällig daran ist für mich zuerst, das es häufig Berufe sind die überwiegend von Frauen gemacht werden. Oder von Menschen, die nicht so richtig in der Mitte der Gesellschaft stehen, wie Migranten.

Notaufnahme im Dreischicht-Betrieb ©pixabay
Notaufnahme im Dreischicht-Betrieb ©pixabay

Frauen ergreifen häufig Berufe zu denen sie sich hingezogen fühlen. Sie werden Krankenschwester aus Leidenschaft. Zu Anfang der Kariere ist das Geld oft kein großes Thema. Glück im Job ist meistens wichtiger als ein fettes Bankkonto.
Es ist dabei nur völlig auf der Strecke geblieben, das wir aber trotzdem unsere Ausgaben haben und irgendwie davon Leben müssen.
Als Alleinverdiener müssen sich viele Menschen gegen ihren Traumjob entscheiden. Auch ohne das man Kinder und den Kredit für das Haus bedienen muss. Man kommt schon viel früher an die Grenze des Möglichen.

Ich habe mit Leuten gesprochen die diesen oder jenen Job nur machen können, weil der Partner einen besser bezahlten Beruf hat. Sonst geht das nicht.
Ausgebildete Sozialarbeiterinnen die in WG’s wohnen weil ihr Gehalt sonst nicht für die Miete reicht. Kein Auto, kein Jahresurlaub, keine Kinder. Das sind Luxusausgaben.
Auch wenn ich gut und gerne sagen kann, das ich all das nicht brauche, ist es doch so, das ich es mir ja eh nicht leisten könnte.

Ich bin Maßschneiderin.
Das ist mein Lehrberuf. Gelernt habe ich hier in Lübeck bei einer wunderbaren Lehrherrin und es war eine tolle Zeit. Das war 2006-2009. Im ersten Jahr habe ich 175€ Lehrgeld bekommen.
Mit Kindergeld und Ausbildungsbeihilfe (BAB) hatte ich monatlich 780€ zur Verfügung.
Davon habe ich meine kleine Wohnung, mein Essen, Kleidung und alles andere bezahlt.
Irgendwie ist es gegangen.
Ich habe mir sogar einen kleinen Urlaub mit einer Freundin geleistet. Da sind wir 2 Wochen durch Englands Jugendherbergen gereist und haben uns von Toastbrot und Nutella ernährt. Wir waren um die 20 Jahre alt und hatten den Spaß unseres Lebens.

Nach der Ausbildung war es ähnlich. Ich habe immer voll gearbeitet und es trotzdem selten geschafft eine Gehaltsabrechnung mit nachhause zu bringen die einen 4-stelligen Betrag gezeigt hat. Ich habe für 5€/Std Handcreme verkauft. Für 6,50€ die Filiale einer Chemischen Reinigung geführt und für 6,30€ als Schneiderin genäht.
In dem Jahr als der Mindestlohn kam wurde mein Gehalt von 7,70€ auf 8,75€ angehoben.
Mein damaliger Chef hat also sogar etwas mehr als den Mindestlohn bezahlt.

Die Zahlen die ich hier aufgeschrieben habe, sind Brutto und im Zeitraum 2010 bis 2015 entstanden.
Mein Lohnzettel für den August 2010 sagt, das ich für 180 Stunden (Mehr wie 40Std/Woche) zu 6,50€ ganze 892,73€ ausgezahlt bekommen habe.
Es ist also nicht so lange her, das ich auf meinen Kontoauszug geschaut habe und dachte, das ich meine Ziele so niemals erreichen kann.

Floristen verdienen traditionell auch eher wenig©pixabay
Floristen verdienen traditionell auch eher wenig ©pixabay

Millionen von Frauen und Männern beziehen ein Gehalt, das sich vom Arbeitslosengeld nicht sonderlich unterscheidet. Nur das wir dafür Nachtschichten und Wochenenddienst machen.
Ich bin eine von wenigen die aus der Spirale von schlecht bezahlten Jobs abgesprungen ist und trotzdem ihren Traumjob machen darf.
Als Selbstständige habe ich meine eigenen Regeln festgesetzt und bin sehr glücklich darüber.
Geld ist immer noch nicht der Motor der mich zum Arbeiten antreibt.
Aber es muss sich lohnen. Jeder Job ist in meinen Augen Wertvoll und muss auch durch das Gehalt wertgeschätzt werden.

Der Mindestlohn ist inzwischen auf 9,35€ angestiegen.
Das ist bei Lohnsteuerklasse 1 ungefähr 1050€.
Bei steigenden Mietpreisen und unsicherer Zukunft.

Ich bin ein Unterstützer von Fairtrade. Ich kaufe Fairtrade und handel mit Fairtrade Produkten.

Meine Frage ist also folgende:
Sind 1050€ für eine Vollzeitarbeitskraft im Jahre 2020 Fair?

Ich finde nicht.

Bewertung des Artikels (bitte Anzahl der Sterne wählen)
5/52 Bewertungen

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.