Der Ganges – Heiliger, stinkender Fluss

Der 2700 Kilometer lange Ganges, der die nordindische Ebene durchfließt, gilt den Indern als heilig. Auch der Brahmaputra gilt als heilig, aber kein Gewässer ist SO heilig wie der Ganges. Er entspringt aus zwei Quellflüssen in 4000m Höhe im Himalajagebirge, dem Bhagirata und dem Alakananda.

Mit rund 44.000 Quadratkilometern ist das Flussdelta des Ganges und Brahmaputra das größte Mündungsdelta der Erde, welches immer wieder von Überschwemmungen heimgesucht wird und hierbei mehrere tausend Tote fordert.

Baden im Ganges

Die meisten Menschen haben sicher schon mal gehört, dass ein Bad im Ganges für den Inder als unumgänglich gilt, da dessen Wasser Krankheiten heilen und sogar die Fähigkeit der Unsterblichkeit verleihen soll.

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Inder ihre Verstorbenen, nachdem diese zuvor verbrannt wurden, dem Wasser des heiligen Flusses überlassen. Dumm dabei ist nur, dass die Industrie trotz diverser Projekte des Staates ihre Chemikalien, Abfälle, Schwermetalle und Gifte dem Wasser des Ganges zuführt, indem Beamte bestochen, oder die umweltschädlichen Stoffe heimlich eingelassen werden. Und die dem Ganges überlassenen Leichen tragen auch nicht gerade zur Reinhaltung des Wassers bei.

Die Göttin Ganga

Heilige Waschungen am Ganges © pixabay

Die Inder glauben fest daran, dass die Göttin Ganga die Gestalt des Flusses angenommen hat, um die Menschen zu heilen und deswegen spielt es auch keine Rolle, wie dreckig das Wasser ist – es wird zum Kochen für Chai, zum Waschen, oder auch zum Entsorgen der Fäkalien benutzt, was den Fluss weiter verschmutzt. Die großen Städte entlang des Ganges beziehen bis zu 70 % ihres „Trinkwassers“ aus dem Fluss.

Es gibt ein Gebet der Hindus, in dem es heißt, dass Mutter Ganga diejenige sei, durch die der Himmel erreicht werde und der Körper in ihr vergehen möge, nachdem man an ihren Ufern gelebt und ihr Wasser getrunken hat.

Wie könnte man sich diesen Zeilen dann widersetzen? Man würde seine Göttin verraten und das geht einfach nicht.

In Varanasi fließt der Fluss für ein kurzes Stück von Süden nach Norden, weshalb ein rituelles Bad an genau dieser Stelle dem Glauben der Inder nach dazu führt, dass ihr Geist ins Nirvana eingeht. An allen anderen Stellen sorgt ein Bad im Fluss aber zumindest für eine bessere Wiedergeburt.

Europäer und der Ganges

Als Europäer müsste man auf diese Wiedergeburt auch vermutlich nicht lange warten, wenn man die Bräuche der Inder nachahmen würde. Europäer werden sogar gewarnt, auch nur einen Finger in die verseuchte, stinkende Brühe zu halten. Im Brackwasser dieses Flusses befinden sich für Europäer derart fremde Bakterienstämme, gegen die wir einfach keinen Schutz entwickelt haben.

Die Belastung durch Kolibakterien ist 2000 mal höher als es in Indien (!) erlaubt ist (und das will schon etwas heißen). Hierdurch breiten sich dementsprechend auch die Krankheiten, insbesondere Cholera und Typhus, aus. Die wenigsten Kläranlagen funktionieren effektiv und so vermischt sich dort bereits gereinigtes Wasser wieder mit dem verseuchten Wasser des Flusses.

1985 versuchte die Regierung durch den „Ganga Action Plan“ die Verschmutzung des Flusses effektiv zu bekämpfen, was aber leider unter anderem daran scheiterte, dass die entsprechenden technischen Einrichtungen nicht über die notwendige Mittel verfügten.

Es wäre dennoch unfair, den Indern ein mangelndes Umweltbewusstsein vorzuwerfen, da die Meisten von ihnen unfassbar arm sind und ohnehin nur von der Hand in den Mund leben, so dass sie keine Zeit haben, sich über so „unwichtige“ Dinge wie Umwelt oder Astrophysik Gedanken zu machen. Wer als Schneider, Barbier, Gerber, Weber oder sonstiger Handwerker seine Existenz bestreiten muss, hat ganz andere Probleme, als sich um ein paar Kadaver in einem Fluss zu kümmern. Dafür gibt es schließlich die Priester und die sagen, dass der Fluss heilig ist. Also muss das doch stimmen! Wer ist schließlich schon ein Handwerker, dass er die Vorgaben der Priester, die in der Kaste über ihm stehen, in Frage stellen würde?Ganges bei Sonnenaufgang ©Green Size

Die Zeit des sehr begabten, vedischen Indien ist leider schon lange vorbei.

Im vedischen Indien (von 1500 bis 500 v. Chr.) waren alle geistigen Systeme bereits bekannt. Philosophie, Existentialismus, Nihilismus usw. gab es bereits und die Inder waren sicher die am meisten gebildeten Menschen ihrer Zeit.

Wenn man mit dem Wasser allerdings nicht in Berührung kommt, soll eine Schifffahrt auf dem Ganges, die jedem Nicht-Inder angeboten wird, sehr schön sein. Man startet bei Sonnenaufgang und, vom lauten Dröhnen der Schiffsmotoren abgesehen, soll sich hier ein romantisch-schönes, bis sehr lustiges Bild ergeben. Man erlebt einen phantastischen Sonnenaufgang und wenn man Glück hat, kann man Kühe (die ja den Indern auch als Heilig gelten) am Strand spazieren sehen. Ein derartiger Anblick hat sich mir noch nirgendwo auf der Welt ergeben.

Es wird vermutlich noch mehrere Äonen dauern, bis alle Inder Umweltgedanken entwickeln werden. Sehr schade, da es sich mit 1,34 Milliarden Menschen um eines der bevölkerungsreichsten Länder der Welt handelt.

Ein Artikel von unserem Gast-Autor Benedikt.

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