Das Sumangali-Prinzip – ein zerstörtes Leben für billige Kleidung

Über die Arbeitsbedingungen in den Nähereien wurde schon oft berichtet. Das Unglück von Rana Plaza am 24. April 2013 sitzt uns tief im Gedächtnis.

Damals starben 1135 Menschen bei einem Fabrikeinsturz in Bangladesch. Dieses Ereignis brachte viele Menschen zum Umdenken und die Nähfabriken in Asien stehen seitdem unter leicht verbesserter Aufsicht. (Wie viel sich wirklich verbessert hat und was nur Augenwischerei ist, kann ich nicht beurteilen.)

Doch wie sind die Bedingungen in den Fabriken, die die Vorarbeit leisten?
In den Spinnereien, Färbereien und Webereien?

Heute schreibe ich über das Sumangali-Prinzip.
Übersetzt bedeutet es „Glücklich verheiratete Braut“.

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Mitgift und Hochzeit sind teuer. Nicht jeder kann sich das auf normalem Weg leisten. © pixabay.com

In Indien ist es immer noch selbstverständlich, eine Mitgift zu entrichten. Das heißt, der Vater der Braut zahlt dem Bräutigam und seiner Familie eine vereinbarte Summe. Diese setzt sich meist aus Goldschmuck, Haushaltsgegenständen und Bargeld zusammen, je nach Kaste und Lebensumständen. Eine typische Mitgift enthält mindestens einen Kühlschrank, einen Fernseher und ein Mofa. Dazu Schmuck aus massivem Gold. Eine Mitgift übersteigt gut und gerne das Jahreseinkommen des Brautvaters und die Eltern einer Tochter fangen bereits ab der Geburt an zu sparen, um sich später die Vermählung ihrer Tochter leisten zu können.

Kommt ein Mädchen ins heiratsfähige Alter und die Eltern haben das Geld nicht, suchen die Mädchen nach Möglichkeiten die Eltern zu unterstützen. Sie suchen sich Arbeit in den Fabriken.

Die Fabrikbesitzer kennen die Notlage dieser Leute und machen damit ihren Profit.

Sie werben gezielt junge Mädchen im Alter von 13-16 Jahren an und bieten ihnen einen Vertrag. Die Verträge haben eine Laufzeit von 3-5 Jahren. In dieser Zeit arbeitet das Mädchen in der Fabrik. Sie erhält jeden Monat ein „Taschengeld.“ Der Rest des Geldes soll am Ende der Vertragslaufzeit ausgezahlt werden. Mit der Gesamtsumme kann dann die Hochzeit finanziert werden. So sind die Rahmenbedingungen.

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Handgesponnen, aber zu welchem Preis?
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Jetzt kommt das Kleingedruckte:

Die Mädchen arbeiten 6 Tage die Woche. Immer mindestens 11 Stunden am Stück, mehrmals die Woche bis zu 16 Stunden, je nach Bedarf. Sie wohnen in der Fabrik und dürfen sie nur unter Aufsicht verlassen, wenn sie zum Beispiel zu einem Arzt müssen. Die Mädchen teilen sich mit vielen anderen Mädchen kleine Zimmer, wo sie auf dem Boden schlafen. Für Essen und Unterkunft wird bereits ein guter Teil ihres verdienten Lohns einbehalten. Die Mädchen dürfen kein Telefon besitzen.
Ein mal pro Woche dürfen sie über die fabrikeigene (überwachte) Leitung die Eltern anrufen.
Verletzt sich ein Mädchen, oder wird sie krank, so dass sie den Vertrag nicht bis zum Ende einhalten kann, verliert sie das Geld, welches sie bis dahin erarbeitet hat. Angenommen, es wurde ein Drei-Jahresvertrag ausgehandelt und das Mädchen wird nach 2,5 Jahren arbeitsunfähig, schickt man sie ohne einen Cent Lohn zurück zu ihren Eltern. Dann war alles umsonst.

Arbeitsunfälle sind an der Tagesordnung. Aufseher misshandeln die Mädchen und fügen ihnen körperliche und psychische Gewalt zu. Es kommt immer wieder zu Vergewaltigungen und ungewollten Schwangerschaften. Die sklavenähnlichen Bedingungen bringen viele der Frauen dazu, sich selbst das Leben zu nehmen. Für kaum ein Mädchen erfüllt sich der Traum von einer glücklichen Zukunft.

Auch die Arbeit selbst ist gefährlich. In Spinnereien ist die Luft so voll von losen Baumwollfasern und giftigen Dämpfen, dass die Mädchen bei einem Hustenkrampf ersticken können. Die Mädchen wickeln sich Tücher um Mund und Nase, doch das schützt nur wenig. In den Färbereien verätzen sie sich die Haut und werden blind von den Chemikalien. In den Webereien sind es wieder die Fasern, die das Atmen unmöglich machen. Am Ende ist es aber die Erschöpfung.
Nach Monaten mit 16 Stunden-Tagen, der physischen Gewalt und Hoffnungslosigkeit, gibt der Körper einer 15-Jährigen irgendwann auf.

Man geht davon aus, dass allein im Bundesstaat Tamil Nadu, im südöstlichen Teil Indiens über 200’000 Menschen in Zwangsarbeit gehalten werden. Dieser Bundesstaat ist eine Hochburg der Textilindustrie.

Kann eines der Mädchen bis zum Ende durchhalten, erhält es seinen Lohn und darf nach Hause gehen. Für drei Jahre sind es oft nicht mehr als 500 Euro, die noch übrig sind.

Für eine Mitgift reicht das nicht.

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Das Kind strahlt, die Mama nicht mehr. © pixabay.com
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