Stoffe einkaufen in Indien

Ich kaufe gerne ein! Wer nicht? (Sinnvoll) Geld ausgeben für Schönes ist toll.
Besonders toll ist, wenn einem dazu noch ein besonders aufregendes Shoppingerlebnis geliefert wird. Eines meiner schönsten Einkaufserlebnisse wiederholt sich jedes Jahr. In Indien.

Meine Kleider, die in Indien produziert werden, sind alle aus Stoffen der RCB Fabrik. (Name geändert)
Diese stellt Stoffe und Fertig-Textilien aus Biobaumwolle mit GOTS-Zertifikat her. Und ab einer Abnahmemenge von 1000 Metern kann man dort sogar seine eigenen Stoffe produzieren lassen.
Die Fabrik ist riesig, hat mehrere Standorte und mehr als 2000 Mitarbeiter.
Es gibt ein kleines Büro in der Innenstadt von Kalkutta.
Dort treffe ich einen Sekretär der mir mitteilt, wann ich die Fabrik besichtigen darf.

Mann auf der Straße © Pixabay
Mann auf der Straße © Pixabay

Oft ist das schon ein oder zwei Tage später. Dann darf ich mit dem Chef und Besitzer der RCB in der Limousine mitfahren. Er erzählt mir stolz, das es ein deutsches Auto ist, das deutsche Autos sowieso die besten sind.
Die Fabrik liegt etwa eine Stunde außerhalb von Kalkutta in einem Industriepark. Die Straßen sind aus Sand und haben tiefe Schlaglöcher. An den Straßenrändern sitzen Arbeiter und teilen sich das Mittagessen. Sie sehen müde und traurig aus.
Vor dem Tor der Fabrik hupt der Fahrer und das große, gelbe Tor wird geöffnet. Dahinter erscheint eine andere Welt.
Die Fabrik ist weiß gestrichen. Es gibt unzählige Blumentöpfe und sogar eine Rasenfläche.
Wir gehen als erstes in die kleine Kantine, wo der Chef bereits erwartet wird. Es gibt immer sehr leckeres und frisches Essen. Typische Landesspezialitäten, die oft viel zu scharf für mich sind.
Nach dem Lunch übergibt man mich an Mr. Das, einem Mitarbeiter, der für den Verkauf im Haus zuständig ist. Dieser Mann ist jedes Jahr für mich zuständig und offensichtlich noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Er ist sehr nett und zeigt mir alles was ich sehen will. Er kann aber nicht ganz verstecken, das er es seltsam findet, das Frauen das heiraten aufgeben und lieber arbeiten wollen. Da diese Art zu denken typisch in Indien ist, brauche ich mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Am Ende des Tages will er mir ja was verkaufen und nicht anders herum.

Mr. Das geht mit mir durch verschiedene Abteilungen, fragt was ich dieses Jahr suche und zeigt mir Neuheiten, die allesamt außerhalb meiner Einkaufsliste sind. Ich kaufe lieber Lagerposten auf. Stoffballen, die bei anderen Kunden übrig geblieben sind. Das sind dann immer noch zwischen 20 und 200 Metern. Bis ich aber endlich kaufen darf, dauert es noch.

Nach einer Stunde Führung durch die Näherei, Verpackung und Zuschnitt stehen wir im Lager.
Die Halle ist so groß wie ein Fußballfeld und über zwei Etagen mit Schwerlastregalen ausgestellt. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel Stoff auf einmal gesehen. In allen Farben und Formen!
Stoffe in den Regalen, zu Stapeln sortiert und Stoffe kreuz und quer in den Gängen wie Scheiterhaufen aufgetürmt. Ich jedenfalls kann kein System darin erkennen. Mr. Das spricht mit einem Kollegen und ich darf mich in ein kleines Büro setzen, das aussieht wie ein Gewächshaus. Nur das dieses im Inneren eines Stofflagers steht. Der Kollege zeigt mir Muster von den Stoffen, die wohl noch zuhaben sind. Ich suche mir welche aus, die in meine Kollektion passen.
Ein dritter Kollege geht los um die Stoffe zu suchen.
Wenn der Stoff noch irgendwo im Lager gefunden wird, wird er vermessen an die Seite gelegt. Dieser Prozess kann dauern. Oft über eine Stunde. Und das liegt nicht daran, das ich mich nicht entscheiden könnte!
Nach dem ich auf diese Weise ein paar ausgesucht habe, gehen Mr. Das und ich zurück in sein eigenes Büro. Dort bekomme ich einen Tee und er geht los um die Preise festzustellen. Bis hier hin weiß ich noch nicht, was die einzelnen Stoffe wert sind. Und auch die tatsächliche Verfügbarkeit ist hier oft noch mal in Frage gestellt worden. Außerdem muss ich immer die gesamte Charge abnehmen. Wenn ich also nur 30 Meter brauche und es sind aber 100 auf Lager, kann ich den Stoff nicht kaufen. Was soll ich mit den anderen 70 Metern machen? Und Mr. Das gibt nur in Ausnahmefällen und mit gutem Zureden halbe Chargen ab. Er weiß schließlich auch nicht, was er mit den Resten anfangen soll.

Stoffauswahl © Green Size
Stoffauswahl © Green Size

Ich muss hier gut verhandeln und gleichzeitig sicherstellen, das ich auch nächstes Jahr wiederkommen darf. Es darf also nicht beleidigend niedrig oder naiv hoch sein. Zu dem weiß Mr. Das nicht so recht mit Frauen in Verhandlungspostionen umzugehen.
So richtig ernst nimmt er mich immer noch nicht. Und ich darf ihn nicht merken lassen, das ich das weiß.
Es geht hier ausnahmsweise nicht darum Feministin zu sein, sondern eine gute Geschäftsfrau, die einen guten Preis für gute Ware bezahlt.

Die Fabrik kümmert sich gut um die Mitarbeiter und die Qualität der Waren sind sehr gut. Daher kaufe ich gerne hier ein. Die Näherinnen die ich bei der Führung gesehen habe, machten einen gesunden, fröhlichen Eindruck auf mich. Ganz anders als die Menschen die ich auf dem Weg in die Fabrik gesehen habe. Ich habe einmal versucht die Feuerlöscher zu zählen um mir einen Eindruck von der Sicherheit des Gebäudes zu verschaffen. Auf jeder Etage habe ich mehrere gesehen. Auch im Lager war mindestens einer unter dem Tisch in diesem Glas-büro.
Meine Erfahrung mit asiatischen Fabriken sagt, dass das deutlich über dem Standard ist.

Ein langer Tag geht zu Ende.
Anfahrt, Essen, Führung, das Lager und die Verhandlungen dauern bis in den frühen Abend. Ein Fahrer der Fabrik bringt mich mit meiner Quittung zurück in die Stadt. Die Stoffe liefert Mr. Das im laufe einer Woche in die Werkstatt nachdem ich im Stadt-Büro bei dem Sekretär vom Anfang der Geschichte die Rechnung gezahlt habe.
Ein Shoppingerlebnis das in Deutschland eine Stunde dauern würde, braucht hier einen ganzen Tag. Aber es lohnt sich! Todmüde und pleite falle ich ins Bett.

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